ADOLF HOLL 1930-2020

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09 Nachtschicht: In memoriam Adolf Holl. Franz Haslinger und Josef Haslinger

mit Walter Famler. Anhören.

 

 


      

 

 

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Alle Fotos aus dem Wespennest Sonderheft

Adolf Holl 

Zwischen Wirklichkeit und Wahrheit



Der letzte Katholik

Adolf Holl zum ersten Todestag

Von Walter Famler

Am 23. Jänner vorigen Jahres verstarb in seinem neunzigsten Lebensjahr in Wien Döbling der Priester, Ketzer, Rebell, Publizist, Theologe, Schriftsteller und Gelehrte Adolf Holl im Haus seiner Lebensgefährtin, der Journalistin und langjährigen Spiegel-Korrespondentin Inge Santner. Am Schreibtisch in seiner Arbeitswohnung in der Hardtgasse 34 hinterließ er das Manuskript für sein 33. Buch. Überschrieben mit dem Titel „Leibesvisitationen“ umfasst es dreiundsiebzig auf seiner mechanischen Schreibmaschine getippte und von ihm selbst noch durchkorrigierte Seiten. 

Begonnen mit der Niederschrift seines letzten Buches hat Holl im Dezember 2014. Bereits 2009 signalisiert er in einem Interview die Beschäftigung mit dem Thema: „Mich interessiert in letzter Zeit besonders der Umstand, dass wir im gesamten Abendland, im ganzen griechisch-römischen Philosophieren, keinerlei Tradition für eine eingehende und freundliche Auseinandersetzung mit unserer Endlichkeit und Körperlichkeit haben.“ In für seine Schreibweise typischer Manier zeugen die ersten Sätze der Leibesvisitationen noch einmal davon, wie Holls Denken und Schreiben sich aus Verdrängtem und gemeinhin oft als abseitig beurteiltem Wissen speist: „Dieses Buch schreibe ich als Richtigstellung vieler Dummheiten, die mir im Umgang mit meiner Leibhaftigkeit passiert sind. Dabei denke ich an einen längst verstorbenen Gesinnungsgenossen, den katholischen Priester, Arzt und Schriftsteller François Rabelais aus dem 16. Jahrhundert, der in vier ausschweifenden Büchern dem Ordinären Ausdruck verlieh, das er auf Jahrmärkten und Handelsmessen in Frankreich den Schaubudenbesitzern, Scharlatanen, Quacksalbern, Taschenspielern, Seiltänzern abgelauscht hatte. Das Leibhaftige erscheint bei Rabelais als Aufzählung von schmackhaften Speisen, von Kraftausdrücken für das Manneswerkzeug in guter und schlechter Verfassung, mundartlichen Varianten für die Benennung der Verdauungstätigkeit und Harnabsonderung, Termini aus den Bereichen der Folter und öffentlichen Auspeitschung, Verzeichnissen von Waffengattungen durchwirkt mit witzigen Verweisen auf die medizinische Fachliteratur.“  ......weiterlesen